Trauerrede von unseren Bingenheimer Pfarrer Herrn Sondermann für unseren Sohn Dominik

Dominik Kuntz, 22.12.2006, Bingenheim

Hier auf dem Friedhof, bevor wir Dominik beisetzen, wollen wir unsere Klage vor Gott bringen mit den Worten des Psalmbeters (Psalm 39,8):
“Nun, Herr, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.”
Wir sind voll Trauer, voll Zorn und Wut; wir sind besonders voll Ohnmacht. Erschüttert und ratlos, schwermütig und klagend stehen wir alle am Sarg von Dominik. Zerrissen ist das Band, erloschen seine Augen, verstummt sein Lachen, zu Ende alle Pläne, begraben alle Hoffnungen, alles Sorgen umsonst, leer bleibt sein Zimmer, leer auch sein Platz am Tisch.
Mir ist ebenfalls mehr zum Klagen zumute.
Woher kommt uns Rat, woher Hoffnung und Mut, woher nehmen wir die Worte des Trostes? Wir müssen uns die Worte leihen. Aus uns selber fließt nur Ratlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Niedergeschlagenheit.

“Nun, Herr, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.”

Wäre es an dieser Stelle nicht ehrlicher zu schweigen? Wer keine passenden Antworten auf das vielfache „Warum” hat, die diesen Tod begleiten, sollte der sich nicht zurückziehen und sich der Stille der Trauer hingeben? Auch ich vermag an dieser Stelle keine Antwort zu geben, warum dieses tragische Unglück passierte; warum letztendlich Gott diesen Tod nicht verhindert hat! Fragen, auf die niemand unter uns eine Antwort weiß; Fragen, auf die es wahrscheinlich auch nie eine schlüssige Antwort geben wird.

“Nun, Herr, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.” – und wir stehen da, mit leeren Händen, weil viele von uns in den letzten Tagen nach Worten gesucht und gerungen haben, um zu begreifen, was da geschehen ist. Warum musste Dominik sterben? Was kann denn solch ein Tod für einen Sinn haben?

Doch da lässt sich nichts begreifen und verstehen. Die Frage nach dem Warum, tausendmal gestellt, nicht nur heute: Keiner kann darauf etwas sagen. Jeder einzelne von uns steht da mit leeren Händen, auch wer an Gott glaubt. Was können wir noch tun, liebe Trauergemeinde, liebe Familie Kuntz? Wie können wir im Angesicht dieses Todes leben?
Es gab viele Zeichen der Verbundenheit und der Nähe. Und deshalb ist es gut, dass so viele heute gemeinsam von Dominik Abschied nehmen. Wenn einer den anderen braucht, dann heute und in den kommenden Tagen und Wochen. Und wir brauchen auch einander, wenn die Gefahr des Vergessens größer wird und man wieder zur Tagesordnung übergehen will, so, als sei alles nur ein böser Traum gewesen.

Das, womit Gott unsere leeren Hände füllen kann, ist wenig – und viel zugleich: Wenig, wenn es darum ginge, den Schmerz möglichst bald zu besiegen und die Antwort auf alle Fragen zu bekommen. Nein, der Glaube ist kein Medikament, das man schluckt, und dann wird alles gut. Er macht nichts ungeschehen oder löscht das Schreckliche spurlos aus.
Der Glaube richtet unseren Blick auf nichts anderes als auf das Kreuz Jesu Christi. Das hört sich nach frommer Floskel an. Aber bedenken wir: Am Kreuz starb Gottes eigener Sohn, den schrecklichsten Foltertod. Da gibt es nichts zuverharmlosen: Am Kreuz hat er die gleichen quälenden Fragen gehabt, die gleiche Verzweiflung, wie sie jeder andere Mensch im Sterben erleidet, ja, wie sie einer kaum schlimmer erfahren kann. Diese Fragen hat er Gott, seinem Vater, buchstäblich entgegen geschrieen: „Mein Gott, warum? Warum hast du mich verlassen?” So, als habe er ein Recht auf eine Antwort, aber auch so, als ob es eine Antwort geben muss.

Wie Jesus haben auch wir Fragen an Gott; erleben wir ihn fremd, können nicht verstehen, dass er nicht eingreift.

Wie Jesus aber glaube auch ich, bei allen Fragen, bei aller Hilflosigkeit: Selbst im Tod sind wir gehalten von dem, der uns nie ganz fallen lässt. Wie Jesus möchte auch ich am Ende sagen können: „Vater, als dein Kind befehle ich meinen Geist in deine Hände.”
So versuchen wir, liebe Familie Kuntz, liebe Trauergemeinde, auch und vor allem heute zu glauben, dass Dominik in seinem Tod gehalten ist von Gott. Gott nimmt nicht das Leid von uns, aber gerade mitten im Leiden trägt er uns und hält uns fest.
So vertrauen wir Dominik diesen neuen Weg zu Gott hin an, in der festen Überzeugung, dass Gott ihn auf diesem Weg nicht alleine gehen lässt.
Und so wollen auch wir uns der Begleitung Gottes anvertrauen, in der Hoffnung, dass auch die dunkelste Nacht des Todes dem Licht eines neuen Tages weichen muss. Amen.